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Rizen |
Published
Sep 07 2006, 03:41 PM
Eine Sache, die wir
in Online Poker immer und immer wieder hören, ob in Büchern, von
Trainern, in Videos, oder Foren ist dass wir aggressiv spielen
sollen. "Schwäche angreifen" heißt es immer. Eine
andere bekannte Phrase ist auch: "Pass auf dass Du die Pots
gewinnst, die keiner haben will." Das Schwierige an einer solchen
Strategie ist nicht, zu wissen dass wir aggressiv spielen müssen,
sondern dass wir nicht genau wissen, wie wir Schwäche erkennen, oder
wenn wir sie erkennen, wie und warum wir sie ausnutzen können.
Eine Sache vor der
ich sie warnen möchte, bevor ich mich weiter in die Materie vertiefe
ist, dass sie den Tisch ganz genau beobachten müssen, um Schwäche
ausnutzen zu können. Gute Spieler wissen genau, wie sie Ihr Spiel
variieren müssen, um Stärke als Schwäche zu verkaufen und
umgekehrt. Sie müssen Ihren Gegner gut genug kennen um
unterscheiden zu können, ob seine Handlungen echte Schwäche, oder
versteckte Stärke anzeigen.
Es gibt im Grunde zwei
Arten von Schwächen die Sie erkennen müssen. Es ist eine
offensichtliche Schwäche wenn Ihr Gegner keinerlei Versuch
unternimmt seine Schwäche zu verstecken. Aber es gibt auch
versteckte Schwächen, in Situationen in denen Ihr Gegner versucht zu
verheimlichen wie schwach er ist, indem er so tut als sei er
stark.
Da gibt es zum Beispiel den Pre-Flop Limper1.
Limping allein ist nicht unbedingt ein Zeichen von Schwäche. Um
genau zu sein kann es eine sehr starke Strategie sein, aus einer
frühen Position heraus zu limpen. Aber, wenn jemand limpt nachdem
die ersten beiden Spieler abgelegt haben, würde ich das sehr wohl
als ein Zeichen von Schwäche interpretieren. Anfänger oder
ungeschulte Spieler tun das nämlich gern mit genau der Sorte Hands
die man erwarten würde: Kleine bis mittelgroße Pocket-Paare,
mittlere Connectors der gleichen Farbe oder schwache Broadway Hands
wie JZ off-suited oder DJ off-suited.
Okay, was aber tun wir
nun mit einem Limper in der mittleren oder späten Position, wie
nutzen wir ihn aus? Wenn die Stapel hoch sind können Sie oft aus
Position heraus erhöhen und den schwachen Spieler isolieren. Ich
bevorzuge diese Strategie aus der Position des Buttons, des
Cut-Offs2 und des zweiten vor dem Button. Die Gefahr wenn Sie dies aus einer
mittleren Position heraus tun ist, dass Ihnen hinterher noch eine
echte Hand unterkommt. Für diesen Artikel nehme ich einfach mal an,
dass wir diesen Spieler ausnutzen weil er schwach ist, also ohne
eine richtige Hand. Sollten wir eine richtige Hand haben, dann
erhöhen wir natürlich aus gutem Grund, und all dies hier spielt
keine große Rolle. Mit dieser Bandbreite
an möglichen
Blättern legt der Spieler wahrscheinlich ab. Aber oft werden Sie
feststellen, dass er, wenn Sie um die 4x erhöhen um ihn zu
isolieren, in der Hoffnung auf einen guten Flop und ihren gesamten
Stapel mitgehen wird.
Also lassen Sie uns rein hypothetisch
sagen, er geht mit. Was wollen wir genau??? Im Idealfall wollen wir
entweder einen Flop mit vielen hohen Karten oder einen gut gemischten
Flop (K82r) oder sowas in der Art. Sie sollten bei den meisten Flops
eine Continuation Bet3 leisten da die Hand-Range Ihrer Gegner so ist, dass sie entweder die
Karten kriegen die sie brauchen, oder totalen Mist bekommen haben,
und Sie dieses Blatt ja darum spielen, ihre Schwäche auszunutzen.
Denn Ihr Gegner wird diese Hand die meiste Zeit nicht bekommen (oder
zumindest nicht gut genug dass er leicht mitgehen kann).
Die
Flops bei denen Sie richtig aufpassen müssen, sind niedrige,
koordinierte Flops. Ein Flop wie 567 mit zwei Karten in der gleichen
Farbe z.B. wäre schon ein Grund zur Sorge, denn das passt oft zu den
mittleren Paaren oder mittleren Connectors die solche Gegner gerne
haben. Manchmal, bei den beängstigenden Flops, mache ich eine
sogenannte Delayed-Continuation-Bet (beim Flop passen, und dann beim
Turn setzen, wenn er auch gepasst hat). Ein schwacher Spieler ist bei
dieser Methode ausgeliefert, denn er wird meistens weiterhin limpen,
also mitgehen und beim Flop ablegen. Er denkt sich wahrscheinlich
dass er, wenn er den großen Fang macht, sein Geld schon
zurückbekommen wird. Das wird er aber nicht, denn Sie tricksen ihn
aus, und legen ab sobald er Stärke zeigt.
Nach dem
Flop ist die offensichtlichste Art, Schwäche zu zeigen ein schwacher
Lead. Als schwachen Lead würde man es zum Beispiel bezeichnen,
wenn jemand weniger als die Hälfte des Pots einsetzt. Ein guter
Spieler benutzt schwache Leads um mit einem guten Blatt Action ins
Spiel zu bringen. Aber schwache Spieler machen oft schwache Leads
wenn Sie ein akzeptables Blatt haben, oder weil Sie vor dem Flop
erhöht haben und nun das Gefühl haben etwas tun zu müssen. Sie
setzen dann etwas aber eben nicht so viel.
Wie sie diese Art
von Schwäche angreifen hängt davon ab, wer vor dem Flop der
Angreifer war, sowie von der Position in der Sie sich befinden. Wenn
Sie in Position sind, und der pre-Flop Angreifer waren, bedeutet der
schwache Lead Ihres Gegners meistens, dass er im Flop zwar eine Karte
erhalten hat, aber sich nicht sicher ist, ob sie gut genug dazu ist
um wirklich zu erhöhen. Eine großzügige Erhöhung nach dem Flop
wird ihn meistens davon überzeugen, dass Sie eine Monster-Hand
haben, wo Sie doch schon vor dem Flop erhöht haben, und er wird
ablegen. Sollte er der pre-Flop Erhöher gewesen sein, funktioniert
die gleiche Methode, denn Ihr Gegner wird die meiste Zeit einfach das
Gefühl haben, etwas setzen zu müssen, aber er hat eben Angst viel
einzusetzen.
Wenn Sie sich nicht
auf Position befinden, können Sie check-raisen4 und damit versuchen ein für alle Mal den Pot zu bekommen. Oder, um
mal etwas anderes zu probieren, passen Sie erst und gehen Sie dann
mit, vielleicht lässt er beim Turn ja noch ein bisschen weitere
Munition ab. Viele schwache Spieler
sind unfähig so
etwas zu tun, so dass Sie den Pot oft mit einem River-Einstatz
stehlen können. Diese Mitgeh-Strategie funktioniert auch wenn Sie
auf Position sind, und kann auch hier ein sehr starker Zug gegen
Spieler sein, die zwar ein oder zwei Versuche auf den Pot machen,
aber nicht drei.
Es gibt aber auch versteckte Anzeichen
von Schwäche. Vor dem Flop findet man das oft in der Form von
stealing, also aus einer Steal-Position5 heraus erhöhen. Die Möglichkeit diesen Spielern einen Strich durch
die Rechnung zu machen, hängt sehr stark von Ihrer Einschätzung der
Situation ab, und verlangt, dass Sie sehr genau auf das Verhalten des
anderen achten. Es gibt viele pre-Flop Stealer die dann ablegen,
wenn man erneut erhöht (natürlich nur wenn die Stapel hoch sind),
und es gibt andere die mit fast allem mitgehen. Persönlich versuche
ich, Spieler nach ihrer pre-Flop Stärke und Aggressivität , sowie
nach Ihrer post-Flop Stärke und Aggressivität, einzuteilen. Wenn
ein Spieler ein schwacher post-Flop Spieler ist, versuche ich oft,
zunächst ganz ruhig mitzugehen, und ihm den Pot dann nach dem Flop
zu klauen. Ist er aber ein starker post-Flop Spieler, erhöhe ich
oft wieder und wieder vor dem Flop und versuche den Pot dann und da
zu holen, besonders wenn ich denke, dass der Spieler ein zu großes
Ego entwickelt. Wenn Sie es mit jemanden zu tun haben, der niemals
erhöht, gehen Sie nicht davon aus dass es ein Zeichen von Schwäche
ist, wenn er erhöht.
Nach dem Flop ist die häufigste
Form versteckter Schwäche das Overbet, als das Zuviel-Bieten. Ich
muss Sie hier noch einmal davor warnen, dass gute Spieler manchmal
ihre guten Blätter „über" bieten gerade weil sie schwach
aussehen wollen, aber durchschnittliche Spieler tun es oft, um andere
davon abzuhalten mit zu gehen. Bevor Sie sich also entschließen, zu
versuchen einen Overbet auszunutzen, den Sie als schwach
interpretieren, gucken Sie sich den Flop ganz genau an. Boards die
viele Möglichkeiten offen lassen, erlauben eine höhere
Wahrscheinlichkeit für einen Overbet mit einem echten Blatt, als
unkoordinierte Boards bei denen es eher so ist, dass ein Spieler
versucht Sie reinzulegen. Noch einmal, wie Sie sich in dieser
Situation verhalten, hängt von Ihrer Einschätzung ab. Gegen einige
Spieler die nicht in der Lage sind zwei Kugeln abzuschießen, wenn
Sie kein Blatt haben, ist es am besten, wenn Sie mitgehen und
abwarten, ob sie nun eine zweite Kugel abschießen oder nicht. Und
gegen die die das können, sollten Sie am besten erhöhen und damit
Stärke ausdrücken. Generell ist die Variierung und konstante
Veränderung Ihrer Spielstrategie, basierend auf Stärke und Schwäche
extrem wichtig.
Diese sind natürlich nur die häufigsten
Formen von Schwäche die ich beobachte - es gibt noch viele andere.
Je mehr Sie spielen, um so mehr werden Sie in der Lage sein, Schwäche
zu erkennen und auszunutzen. Eine Sache die Sie bemerken werden ist,
dass ich Short-Stack Play, also Situationen mit kleinen Chipsstapeln,
gar nicht erwähnt habe. Wenn Sie sich mit einem kurzen Stapel dazu
entscheiden, Schwäche auszunutzen, gehen Sie einfach all in, egal ob
pre- oder post-Flop. Diese Art von Spiel funktioniert oft, aber wenn
es nicht funktioniert, können Sie leicht blöd aussehen wenn Sie
dann Müll vorzeigen müssen. In der mittleren Stapelgröße,
sollten Sie sich genau überlegen, wann und wie oft Sie Schwäche
ohne ein legitimes Blatt angreifen wollen. Wenn Sie einen 10 M Stapel
haben, und aus einer
mittleren Position
heraus einen Limper erhöhen, und dann den Flop c-betten (also einen
Continuation Einsatz leisten), müssen Sie oft bis zu der Hälfte
Ihres Stapels einsetzen. Und während das gut für Ihren +cEV
(expected value) sein kann, ist es häufig besser, diese Chips dann
einzusetzen, wenn Sie wirklich ein gutes Blatt haben. Schwaches Spiel
anzugreifen, ist etwas was bei kleinen Pots vielleicht 80% der Zeit
funktioniert wenn Sie es richtig machen, und vielleicht 20% der Zeit
bei den größeren Pots. Passen Sie genau auf, dass Sie sich diese
20% leisten können, bei denen es nicht funktioniert, ansonsten tun
Sie es nicht.
Vergessen Sie außerdem nicht, dass ein
Schnäppchen ein Schnäppchen bleibt. Wenn wir Schwäche ausnutzen,
ist das ein Schnäppchen, und als solches müssen wir es auch
behandeln. Ein Schnäppchen wird kein Wert-Spiel, weil wir ein
mittleres Paar kriegen; es sei denn der Flop kommt mit zwei Paaren
oder besser (noch einmal, für diesen Artikel nehmen wir an, dass wir
Schwäche ohne gute Blätter angreifen), bleibt es ein Schnäppchen.
Wir haben mit der Art und Weise in der wir unsere Karten gespielt
haben viel Stärke gegen schwache Spieler gezeigt, wenn diese nun
aber auf einmal aus der Reihe tanzen, dann heißt das meistens dass
sie eine super Hand haben. Wenn Sie nicht diszipliniert genug sind,
ein mittleres oder sogar hohes Blatt abzulegen wenn Sie dabei sind
von einem schwachen Spieler zu stehlen, dann verschenken Sie höchst
wahrscheinlich die Profite die Sie sich mühsam erarbeitet haben.
Ein Schnäppchen ist und bleibt ein Schnäppchen, und es wird kein
Wert-Spiel weil Sie zwei Paare haben.
Zum Schluss, und
ganz wichtig, seien Sie selektiv. Benutzen Sie Ihr eigenes
Tisch-Image und Ihren Spielstil um zu entscheiden, wie oft Sie
Spieler angreifen, die Schwäche zeigen. Wenn Sie es jedesmal tun,
wird es offensichtlich und damit angreifbar. (Nach dem Motto: Ich
würde sogar mit Assen limpen, weil der Typ immer erhöht!). Wenn
Sie eine Weile nur miese Karten bekommen, benutzen Sie Ihr „tightes"
Image um einen Pot zu stehlen. Wenn das Deck eine Weile gnädig zu
ihnen war, benutzen Sie Ihr Image als jemand der immer gute Karten
spielt, um sich ein paar Pots zu klauen. Das Wissen wann und wie man
diese Strategie anwenden kann, ist hauptsächlich eine Frage des
Gefühls. Aber vergessen Sie nie, dass die anderen Spieler am Tisch
Sie genau beobachten und auf Ihre Handlungen reagieren, und ihre
Spielstrategie demensprechend angleichen.
Viel
Glück,
-Rizen
1 Limping,
wortwörtlich hinken, oder lahm sein, bezeichnet Spielverhalten in
dem ein Spieler immer nur den minimal notwendigen Einsatz tätigt.
2 Der Sitz vor dem Button,
also der letzte Spieler der vor dem Button dran ist.
3 Wenn man nach dem
Preflop ungefähr die Hälfte des Pots setzt, um andere Spieler
rauszuwerfen, die sonst mitgehen würden um die 4. Karte zu sehen
4 Check-raising,
wortwörtlich passen-erhöhen, ist genau das, Sie passen, und im
nächsten Zug erhöhen Sie dann.
5 Stealing ist eine Situation in der ein Spieler in
einer späten Position, sollte niemand so richtig Interesse am Pot
zeigen, so hoch blufft, dass alle anderen ablegen. Er hat dann so
zu sagen die Blinds oder Antes „gestohlen".